Herbert J. Wimmer über die flugschrift von Petra Coronato.

Abgedruckt in KOLIK – Zeitschrift für Literatur, Nr. 70 – November 2106, S. 164-165.

flugschrift publiziert vorzugsweise Texte einer AutorInnenschaft im Grenzbereich zwischen Literatur, Kunst und Theorie, die Selbstreflexion – Konstruktion und Dekonstruktion polyloger Weltreferenzen – im Kontext einer sich ständig verändernden hypertrophen Sprach-Wirklichkeit als Notwendigkeit erachtet.“

herausgegeben von dieter sperl, konzipiert von dieter sperl und barbara zwiefelhofer, erscheint die flugschrift als sogenanntes SONDERZIRKULAR im literaturhaus wien.

nach anselm glück, ann cotten und peter pessl hat die in berlin und wien lebende autorin und fotografin petra coronato die vierte ausgabe der flugschrift gestaltet. WIR SCHLAFEN HIER UND WACHEN DORT betitelt sie ihre text- und bildarbeit, die in ganz eigener weise die zitierten vorgaben des zeitschriftenkonzepts realisiert.

was da fliegt ist vor allem gefaltet und will entfaltet werden, bis zur vollen grösse von 48 mal 67,2 cm. schon entfalten sich buchstäblich zwei erzählungen bzw. zwei spezielle zusammenhänge aus bild und text, auf jeder der beiden seiten eine ganz bestimmte und distinkte anordnung, die sich wiederum als eine erzählung vom zusammentreffen gefundener abbildungen und texten aller art lesen lässt. ein wesentlicher unterschied – abgesehen vom wechsel von der schwarz/weiss-seite zur farbseite – liegt in der unterschiedlichen historizität des verwendeten bildmaterials und seines thematischen zusammenhangs.

jede art von historie besteht aus erzählungen (text- und bild- und medien-erzählungen) also geschichten, und alle geschichten haben ihre geschichte, so verschieden wie die individuellen gedächtnisse, in denen sie aufbewahrt sind, als dynamische, plastische erzählungen, die nicht nur bei jedem akt des aufrufens neu konstruiert werden, sondern in unserem gehirn – folgt man den neurobiologisch fundierten annahmen des sogenannten radikalen oder konsequenten konstruktivismus – im takt von zwei bis drei sekunden als gehirnaktivität ganz neu aufgebaut werden , so die wiedererkennbarkeit und vertrautheit der welt permanent aufs neue wiederherstellend. auch die person, der charakter, das individuum erkennt sich verlässlich – meistens jedenfalls – wieder und verfügt mit der sicherheit vorgestellter kontinuität über das jeweilige gedächtnis.

um sich als zusammenhang verstehen zu können, arbeitet unser bewusstsein mit der arbeitsillusion des kontinuierlichen fliessens, die so eine hauptmetapher fürs andauernde wahrnehmen und verarbeiten von welt und verstehen auslöst, die vorstellung vom bewusstseinsstrom, ein in all seiner widersprüchlichkeit quasi endloser zusammenhang, der uns erzeugt während wir ihn erzeugen.

dabei wären metaphern des stückweisen, paketierten, gequantelten und auf vielfältigste weise verschränkten die viel interessanteren arbeitsillusionen, mit denen wir in der welt auf die welt reagieren und mit ihr arbeiten können, während wir die welt und uns verarbeiten: in medien, mit medien, als medien und für medien, wie massenhaft auch immer.

petra coronato nun in ihrem flugblatt nr. 4 sammelt nicht nur texte und bilder, sondern vor allem kontexte und nach-bilder aus dem massenmedialen angebot, ihre erzähl- und konstruktionsweise ist das hartnäckige und ausdauernde umschreiben, überschreiben vorgefundener erzählweisen, dazu die permanente reflexion der konventionen der bebilderung von texten wie der betextung von bildern/bildserien.
der permanenz und offenheit der datenflüsse und der bilderflut setzt sie auswählend und neu zusammensetzend ihre version, ihren stil der konstruktion von offenheit entgegen, mal als bericht in suggestiver ich-form zwischen die objets trouvées des historischen bildmaterials setzend, mal als abfolge von fund-sätzen und idiomatischen bruchstücken ein jenny-holzer-artiges truismatisches textband erzeugend, das in eine beeindruckend bunte folge von bildern von mikroskopen aller art eingefädelt ist.
nur die entschieden trockene weil unkommentierte zueinandersetzung von bild und text lässt ein poetisches gleichgewicht zwischen bild und text entstehen, das die gewohnte dominanz der bilder für jeweils einen augenblick in eine glückliche oszillation überführt, in der die möglichkeiten von text und die möglichkeiten von bild die möglichkeiten einer literatur- und kunstverschränkung aufblitzen lassen, in der gegenwart einfach da ist – als beobachtung wenigstens einer differenz und eines zusammenhangs: WIR SCHLAFEN HIER UND WACHEN DORT.

unbedingt noch der hinweis auf die bücher der sammlerin von wirklichkeiten, die petra coronato unter dem schönen gruppen-pseudonym TONGUE TONGUE HONGKONG veröffentlicht hat. beide bücher sind im klagenfurter RITTER VERLAG erschienen und noch immer im buchhandel erhältlich: EX.EX.MAGGI – PNEUMATISCHE STRATEGIE bereits 1997, und MATRIX LOUVRE im jahr 2003.
auf sehr verdichtete weise – in der form von erfahrungs- und arbeitsberichten – entwirft und benützt die autorin ein gruppen-ich, das sich permanent als recycling-geschöpf aus allerlei welthaltigen textsorten rezykliert, solange bis der rest das neue ist, aus dem alle literatur besteht.

ebenfalls unbedingt ist auch noch auf die fotoserien petra coronatos hinzuweisen, die im internet unter http://www.dioramen.wordpress.com zu finden sind, wunderbare serien aus wien, berlin, nagoya und anderswo, dazu texte zur fotografie, ihren verfahren und möglichkeiten heutzutage, ein muss für alle, die wie die autorin, ausdauernd in der welt auf der suche nach der gegenwart sind.

1) heinz von förster, siegfried j. schmidt, paul watzlawick, um nur einige zu nennen.
2) ernst pöppel, grenzen des bewusstseins, insel verlag, frankfurt/main 1997

29.08.2013

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