Über die flugschrift (2-seitige ki-Antwort am 18. 10. 2026) Die „flugschrift – Literatur als Kunstform und Theorie“, stellt ein radikales und zugleich hochgradig sinnliches Experiment im zeitgenössischen Publikationswesen dar. >>

Konzept, Ästhetik und das Format als Kunstraum
Die österreichische Literaturzeitschrift „flugschrift – Literatur als Kunstform und Theorie“, herausgegeben von Dieter Sperl in Kooperation mit dem Literaturhaus Wien, stellt ein radikales und zugleich hochgradig sinnliches Experiment im zeitgenössischen Publikationswesen dar. Im Zentrum des Konzepts steht der bewusste Bruch mit den Konventionen des klassischen Magazins. Anstatt eine heterogene Anthologie verschiedener Stimmen zu versammeln, bricht die flugschrift mit dem klassischen Magazin-Prinzip: Jede Ausgabe ist exklusiv einer einzelnen Position – sei es einer Einzelautorenschaft oder einer geschlossenen Gruppe – gewidmet. Dadurch mutiert jede Nummer zu einem eigenständigen, in sich geschlossenen Kunstobjekt, das sich intensiv im Grenzbereich von poetischem Text, bildender Kunst und theoretischer Selbstreflexion bewegt. Das übergeordnete Ziel ist die Befragung einer sich rasant wandelnden, oft hypertrophen Sprach- und Medienwirklichkeit, in der die Konstruktion und Dekonstruktion von Weltreferenzen permanent neu verhandelt werden müssen.
Dieses inhaltliche Programm spiegelt sich eins zu eins in der physischen Beschaffenheit der Zeitschrift wider. Die flugschrift begreift das Format nicht als bloßen Träger von Information, sondern als physisches Ereignis und gestaltbaren Raum. Der materielle Ausgangspunkt jeder Edition ist ein großzügiger Bogen im Format von 48 × 68 cm, der beidseitig bedruckt wird. Durch unterschiedliche, oft komplexe Falttechniken entfaltet das Objekt eine enorme variable Dimension und Spannbreite der Erscheinungsform: Es kann je nach Disposition als klassisches Plakat, als loses Faltblatt oder als bis zu 16-seitiges Heft wahrgenommen werden. Diese Haptik fordert vom Lesenden eine aktive, physische Aneignung – das Drehen, Wenden und Entfalten des Papiers wird Teil des Rezeptionsprozesses. Darüber hinaus bricht die Zeitschrift regelmäßig aus der Zweidimensionalität aus; sie ist eng verknüpft mit Rauminstallationen und Wandgestaltungen, etwa im Foyer des Literaturhauses Wien, wodurch die Texte eine greifbare architektonische Präsenz erhalten.
Das Spektrum der geladenen Kunstschaffenden liest sich wie ein Who’s Who der literarischen Avantgarde und der experimentellen Gegenwartsliteratur. Seit der Gründung im Jahr 2012 versammelt das Projekt ein breites Generationenband. Es reicht von historischen Wegbereiterinnen und Vertretern der Moderne wie Friederike Mayröcker oder Gerhard Rühm über eigenwillige Art-brut-Positionen wie August Walla bis hin zu maßgeblichen Stimmen der aktuellen Literaturszene, darunter Ann Cotten, Margret Kreidl, Miroslava Svolikova, Teresa Präauer und Lucas Cejpek. Sie alle nutzen die flugschrift als Laboratorium für Sprachkunst.

Prozesstheorie, Materialität und die Funktion im Kulturraum
Auf theoretischer Ebene fungiert die flugschrift als ein Manifest für das Schreiben als offenen, ungesicherten Prozess. Der Herausgeber Dieter Sperl betont, dass das Augenmerk der Publikation vor allem auf den „frühen Formgebungen des zu Erzählenden“ liegt. Es geht nicht um die Präsentation eines glattpolierten, finalen literarischen Produkts, sondern um die Sichtbarmachung der Spuren seiner Entstehung. Die poetologische Theorie ist hierbei kein nachträglich aufgesetzter Überbau, sondern im Text-Bild-Gefüge selbst eingeschrieben. Die publizierten Arbeiten legen ihre eigenen handwerklichen und gedanklichen Bedingungen offen: Handzeichnungen, radikale Überschreibungen, Streichungen, skizzenhafte Manuskript-Collagen und visuelle Notizen sind elementare Bestandteile des Layouts. Ein prägnantes Beispiel hierfür bietet die Ausgabe N° 53 von Lucas Cejpek, in der das physische Bearbeiten, Knicken und Beschreiben von Papier direkt zum Thema und zur ästhetischen Form der Literatur erhoben wird. Das Werk reflektiert somit permanent seine eigenen Entstehungsbedingungen und dekonstruiert den Mythos des Genialischen zugunsten einer transparenten Materialästhetik.
In einer Gegenwart, die zunehmend von digitaler Schnelllebigkeit und flüchtigen Textströmen auf Bildschirmen geprägt ist, erfüllt die flugschrift eine wesentliche kulturpolitische Funktion als analoges „Energiefeld“. Sie setzt dem digitalen Durchlauf bewusst ein manifestes, dinghaftes Papier-Objekt entgegen, das Zeitlichkeit und physische Aufmerksamkeit beansprucht. Obwohl Wien als geografischer, institutioneller und kultureller Resonanzraum fungiert, strahlt das Projekt weit über die lokalen Grenzen hinaus. Dies geschieht insbesondere durch eine dichte Praxis von Veranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen und performativen Präsentationen, die das Papierobjekt zurück in den öffentlichen Raum tragen und mit anderen Kunstformen kurzschließen.
Zusammenfassend lässt sich die flugschrift als ein zutiefst dialektisches Projekt begreifen. Während die erste Seite ihrer Existenz das formale „Was“ und „Wie“ definiert – das strikte Unikat-Prinzip pro Ausgabe, das hybride Plakat-Heft-Format und die fruchtbare Schnittstelle zur bildenden Kunst –, widmet sich die zweite Seite dem ästhetischen „Warum“. Sie liefert den Gegenentwurf zur reinen Konsumliteratur und etabliert ein tiefes Verständnis für die Prozesshaftigkeit, die unhintergehbare Materialität und die inhärente Theoriefähigkeit zeitgenössischer Sprachkunst.